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„Atemberaubendes Krisenpotpourri“ – Folker Hellmeyer im Interview

6. Oktober 2022

Ukraine-Krieg, Inflation, Energiekrise – das Jahr 2022 stellt Märkte, Unternehmen und Privathaushalte auch unabhängig von Corona vor enorme historische Herausforderungen. Im exklusiven Interview mit Aurimentum spricht Finanzexperte Folker Hellmeyer über die bedeutendsten Themen im Krisenjahr und seinen persönlichen Bezug zu Gold.

Herr Hellmeyer, das Jahr 2022 wird wohl als „Krisenjahr“ in die Historie eingehen. Ukraine-Krieg, Inflation, Energiekrise – diese Themen dominieren die Nachrichtenlage. Hätten Sie mit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar mit derart weitreichenden Auswirkungen gerechnet?

In der Tat ist das Krisenpotpourri auch im historischen Kontext atemberaubend. Nein, das hatte ich zunächst nicht erwartet. Aber ab April wurde deutlich, dass fortgesetzte Eskalation auf der Agenda steht, mit den aktuellen Folgen. Seitdem habe ich latent vor den Risiken dieser Politik insbesondere für uns gewarnt, ohne offensichtlich in Berlin oder anderswo in Europa auf offene Ohren zu stoßen (Medien: n-tv, Welt TV, Wallstreet online, Aktionär TV, Mission Money). Die fehlerhaften Einschätzungen unserer politischen Eliten in Europa für uns, aber auch für Russland, sind in der Nachkriegsphase historisch einmalig, da sie existenzielle Risiken für unseren deutschen und europäischen Wirtschaftsraum begründen, aber nicht existenzielle Risiken für Russland (unter anderem Bewertung Rubel, Aktivsaldo Handelsbilanz) oder die USA.

Der viel zitierte Begriff einer „Zeitenwende“ nach Kriegsbeginn beinhaltet auch geopolitische Auswirkungen. Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Rolle Europas – speziell Deutschlands – in der Welt ändern (müssen)?

In Lindau trafen gerade vor einigen Tagen frühere Wirtschafts-Nobelpreisträger zusammen. Wie die Tageszeitung Welt berichtete, sehen sie Europa als Verlierer des derzeitigen Szenarios. Ich teile diese Ansicht und habe das sehr frühzeitig in meinen Medienauftritten deutlich gemacht. Fakt ist, dass die EU international als Leichtgewicht wahrgenommen wird. Um das zu ändern, bedarf es einer eigenständigen Außen- und Wirtschaftspolitik, die unseren Interessen dient und nicht bedingungslos „America first“ folgt. Fakt ist, dass die aufstrebenden Länder dem Westen in der Ukraine-Krise ihre Solidarität aufgekündigt haben. Sie sind nicht bereit, ihre Stabilität für US-Geopolitik in der Ukraine gegen Russland zu opfern. Sie streben nach einem multilateralen System, das Augenhöhe gegenüber dem Westen gewährleistet. Ein unilaterales US-System, in dem die USA wie derzeit ihr Recht extraterritorial anwenden (totalitär), ist für sie nicht akzeptabel, da es ihre Souveränität, die in der UN-Charta verankert ist, untergraben würde. Was sagt das über Europa aus?

„Europa als Verlierer des derzeitigen Szenarios.“

Unabhängig von der politischen Rolle blickt Deutschland angesichts der Energieversorgung mit Sorge auf den anstehenden Winter – zu Recht? Wie kann man sich Ihrer Meinung nach aus der Energiekrise befreien?

Hinsichtlich der erfolgten Vorfestlegungen sind die Sorgen begründet. Die Lösung, Nord Stream 2 zu aktivieren, würde das Problem kurzfristig vollständig lösen und voraussichtlich sogar dazu führen, dass Russland bei höheren Lieferungen weniger Einnahmen hätte (höhere Mengen dann zu niedrigeren Preisen). Diese Lösung wird vonseiten der politisch Verantwortlichen nahezu in ideologischer Manier ausgeschlossen. Fakt ist, dass Russland derzeit über zwei Pipelines circa 70 Millionen Kubikmeter pro Tag liefert. Per 22. August lagen die Gasfüllstände in Deutschland bei knapp 81 %. Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit über den Winter kommen. Der Preis, den die Bürger und Unternehmen dafür zahlen, wird historisch einmalig sein. Das Risiko von wirtschaftlichen und in der Folge von gesellschaftspolitischen Verwerfungen ist hoch. Führten wir die aktuelle Politik fort, würde uns das Thema Versorgungssicherheit und hohe Preislichkeit bis mindestens 2025 begleiten.

„Alles hängt an der Ökonomie.“ – in diesem Zitat verdeutlichen Sie die Bedrohung der Wirtschaft durch hohe Energiepreise. Als Inflationstreiber haben die steigenden Energiekosten jedoch auch enorme Auswirkungen auf Privathaushalte. Wie arm wird uns die Inflation machen?

Die Geldvermögen werden in ihrer Kaufkraft im laufenden Jahr um circa 8 % geschmälert. Bei den Einkommen wird ein durchschnittlicher Anstieg von 4,5 % unterstellt. Bei einer Preisinflation von 8 % ergäbe sich dann bei den Einkommen ein Realverlust von 3,5 %. Dieses Dilemma der Kaufkraftvernichtung
wird wegen der Vorfestlegungen unserer politischen Eliten wohl bis 2025 anhalten. Wir reden hier von
einem markanten Fall einer Verarmung.

Droht alles in allem sogar eine Stagflation?

Für den Westen ist das eine realistische Möglichkeit. Es gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit aber nicht für Länder außerhalb des Westens, die nicht an den Sanktionen teilnehmen. Ergo teilt sich die Welt in einen starken Teil und einen schwachen Teil. Die Lage des Westens ist dabei unterschiedlich. Die USA sind bezüglich der Versorgungssicherheit sowie in Teilen bei der Preislichkeit besser aufgestellt als Europa. Europa wird der globale Verlierer sein.

„Der Euro ist und bleibt angeschlagen. Weiteres Abwertungspotenzial ist gegeben.“

Unterstützung beim globalen Einkauf von – meist in Dollar gehandelten – Rohstoffen bietet auch der aktuell schwache Euro nicht. Wie sehen Sie die momentane Verfassung der Gemeinschaftswährung – und welche Auswirkungen messen Sie der Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) zu?

Wir importieren durch den schwachen Euro zusätzliche Preisinflation. Die Politik spielt mit unserem Geschäftsmodell, so etwas ist historisch einmalig und wird an den Devisenmärkten nicht goutiert. Der Produktionsstandort Deutschland wird geschleift. Die zuvor aktive Handelsbilanz der Eurozone markierte in den letzten Monaten historisch hohe Defizite von mehr als 30 Milliarden Euro monatlich. Das war in der Form nicht einmal in der Eurodefizitkrise der Fall. Der Investitionsstandort wird unattraktiver. Ein weiterer Hintergrund liegt in der zögerlichen Zinserhöhungspolitik der EZB. Die Zinsdifferenzen sprechen für den USD oder andere Währungen. Die EZB-Politik wird auch weiterhin moderater als in den USA oder dem UK ausfallen. Der Euro ist und bleibt angeschlagen. Weiteres Abwertungspotenzial ist gegeben. Der Euro verliert Kaufkraft, die Wirtschaft und die Bürger verarmen als Folge im internationalen Kontext.

„Damit ist Gold in meinen Augen ein Fels in der Brandung.“

Gerade in Krisenzeiten sind Anleger auf der Suche nach einem „sicherer Hafen“ – Gold gilt bekanntlich als ein solcher. Sehen Sie im gelben Edelmetall den Fels in der Brandung, um sich vor Geldentwertung zu schützen?

Gold hat eine Historie von 5.000 Jahren und gerade in Krisenfällen seine Wertaufbewahrungs- und Transaktionsfunktion unbestechlich bewiesen.
Gold ist ein sicherer Hafen. Seit 2001, als Gold noch bei 250 USD pro Unze stand, empfehle ich Gold als Teil im Vermögensmanagement. Die Tatsache, dass Gold in China und Russland, aber auch in Indien als monetäre Der Euro ist und bleibt angeschlagen. Weiteres Abwertungspotenzial ist gegeben. Größe wahrgenommen wird, ist ein Indiz für die Zukunftsfähigkeit dieser Anlage. Damit ist Gold in meinen Augen ein Fels in der Brandung, insbesondere in den aktuellen Krisenzeiten.

Und persönlich – welche Rolle spielt Gold bei Ihnen?

Ich bin seit 2001 in edlen Metallen investiert und baue das Portfolio sukzessive aus. In dem Fonds, den mein Kollege Christian Buntrock und ich managen (Strategic World Asset Fund) ist auch ein Teil Gold allokiert.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wird es im Jahr 2023 eher mehr Gründe geben, Gold zu kaufen, oder eher weniger?

Das westlich dominierte globale Finanzsystem verliert von Jahr zu Jahr an Stabilität. Neue Systeme in den aufstrebenden Ländern, allen voran in China, sind noch nicht etabliert genug, um die Rolle der westlich dominierten Märkte und Strukturen übernehmen zu können. In dieser Übergangsphase, die noch Jahre andauern wird, nimmt die Attraktivität der edlen Metalle fundamental weiter zu. Es ist analog zur Vergangenheit ein Prozess unter Schwankungen, da Attacken über „Papiergold-Märkte“ (Futures) uns weiter begleiten werden. 2023 wird es mindestens so viele Gründe wie 2022 geben, unter Umständen sogar mehr. Das hängt von der Intelligenz und Intellektualität sowie dem Willen der politischen Eliten Europas ab, Schaden von den eigenen Bürgern abzuwenden oder weiter zu kreieren.

Über Folker Hellmeyer (Chefvolkswirt der Netfonds AG)

Der gelernte Bankfachwirt war ab 1984 für große und internationale Banken tätig und ist gefragter Finanzexperte bei Fernsehsendern. Folker Hellmeyer klärt in seinen Vorträgen über die komplexen Strukturen des Finanzsystems auf. Er berichtet verständlich und kompakt über neueste Entwicklungen in der Finanz- und Wirtschaftswelt und analysiert aktuelle Trends.

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